ADHS & ADS im Erwachsenenalter: Zwischen Realität, Modediagnose und Selbstmedikation

ADHS & ADS im Erwachsenenalter: Zwischen Realität, Modediagnose und Selbstmedikation – Julia Benner Lange Zeit galt ADHS vor allem als „Kinderdiagnose“. Viele Menschen verbinden damit bis heute unruhige Jungen im Schulunterricht, Konzentrationsprobleme oder impulsives Verhalten. Inzwischen zeigt die Forschung jedoch deutlich, dass Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitätsstörungen keineswegs automatisch mit dem Erwachsenwerden verschwinden. Vielmehr verändern sich Symptomatik und Erscheinungsbild häufig im Laufe des Lebens. Gerade bei Erwachsenen bleibt ADHS deshalb oft lange unerkannt. Statt offensichtlicher Hyperaktivität stehen häufig innere Unruhe, chronische Überforderung, emotionale Dysregulation, Organisationsprobleme oder anhaltende Erschöpfung im Vordergrund. Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, „ständig gegen sich selbst arbeiten zu müssen“, obwohl sie nach außen oft leistungsfähig wirken. Gleichzeitig hat die öffentliche Aufmerksamkeit rund um ADHS in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Vor allem über soziale Medien, Podcasts und Erfahrungsberichte identifizieren sich immer mehr Menschen mit typischen Symptombeschreibungen. Das sorgt einerseits für mehr Aufklärung und Entstigmatisierung, wirft andererseits aber auch Fragen nach Überdiagnostik, Selbstdiagnosen und einer zunehmenden Pathologisierung alltäglicher Schwierigkeiten auf. Was ist ADHS im Erwachsenenalter? ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die durch Auffälligkeiten in Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbstregulation gekennzeichnet ist. Im Erwachsenenalter zeigt sich die Symptomatik allerdings häufig deutlich subtiler als bei Kindern. Viele Erwachsene wirken nach außen weder hyperaktiv noch „typisch ADHS“. Stattdessen stehen häufig folgende Schwierigkeiten im Vordergrund: • starke innere Unruhe• Probleme mit Struktur und Alltagsorganisation• chronische Prokrastination• emotionale Überreaktionen• Impulsivität in Beziehungen oder im Konsumverhalten• Konzentrationsprobleme trotz hoher Intelligenz• schnelle Reizüberflutung• Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen oder Aufgaben zu Ende zu bringen Besonders belastend erleben viele Betroffene dabei weniger einzelne Symptome als das dauerhafte Gefühl, den eigenen Alltag nie wirklich „im Griff“ zu haben. Die deutsche S3 Leitlinie zur ADHS bei Erwachsenen geht davon aus, dass etwa 2,5 bis 4 Prozent der Erwachsenen betroffen sind. Gleichzeitig wird vermutet, dass viele Fälle weiterhin unerkannt bleiben, insbesondere bei Frauen. Bei ihnen äußert sich ADHS oft weniger über äußerlich sichtbare Hyperaktivität als über innere Unruhe, Grübeln, emotionale Überforderung oder Erschöpfung. Dadurch werden die Symptome nicht selten lange fehlinterpretiert, etwa als Depression, Angststörung oder reine Stressproblematik. Späte Diagnose: Ein zweischneidiges Schwert Viele Erwachsene erhalten die Diagnose erst spät, häufig im Rahmen einer Psychotherapie oder nach Jahren psychischer Belastung. Nicht selten berichten Betroffene rückblickend von einem Leben voller Selbstzweifel, Konflikte und dem Gefühl, „irgendwie anders“ zu sein. Für manche ist die Diagnose zunächst eine enorme Erleichterung. Schwierigkeiten, die über Jahre als persönliches Versagen interpretiert wurden, erhalten plötzlich einen erklärbaren Zusammenhang. Gleichzeitig kann eine späte Diagnose aber auch Trauer, Wut oder Schuldgefühle auslösen: Warum wurde es früher nicht erkannt? Wie hätte das eigene Leben verlaufen können? Welche Folgen hätten sich vielleicht vermeiden lassen? Studien zeigen zudem, dass ADHS im Erwachsenenalter häufig gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auftritt. Besonders häufig sind Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder emotionale Instabilität. Laut Kooij et al. (2010) liegt bei einem Großteil der erwachsenen Betroffenen mindestens eine weitere psychische Störung vor. Gerade diese Überschneidungen erschweren die Diagnostik erheblich. Konzentrationsprobleme, innere Unruhe oder emotionale Dysregulation können auch bei chronischem Stress, Depressionen, Traumafolgestörungen oder Erschöpfungszuständen auftreten. Umso wichtiger ist eine sorgfältige diagnostische Einordnung und keine vorschnelle Selbstdiagnose anhand einzelner Symptome aus sozialen Medien. Wenn Alkohol, Cannabis oder Medikamente zur Selbstregulation werden Ein Aspekt, über den viele Betroffene erst spät sprechen, ist das Thema Selbstmedikation. Menschen mit unbehandeltem ADHS berichten häufig, dass bestimmte Substanzen ihnen kurzfristig helfen, innere Unruhe zu reduzieren, Gedanken zu ordnen oder emotionale Spannungszustände besser auszuhalten. Manche erleben Alkohol erstmals als Möglichkeit, „den Kopf leiser zu bekommen“. Andere greifen zu Cannabis, Beruhigungsmitteln oder stimulierenden Substanzen, um sich entweder zu beruhigen oder überhaupt konzentrieren zu können. Psychologisch betrachtet steht dahinter häufig weniger „Genuss“ als vielmehr der Versuch, innere Zustände zu regulieren, die dauerhaft als anstrengend erlebt werden. Studien zeigen, dass Menschen mit unbehandeltem ADHS ein deutlich erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen haben. Forscher wie Wilens et al. beschreiben dabei Zusammenhänge zwischen ADHS, Impulsivität und sogenannten Selbstmedikationsmechanismen. Kurzfristig können bestimmte Substanzen subjektiv entlastend wirken, langfristig entsteht jedoch häufig eine zusätzliche psychische und körperliche Belastung. ADHS als „Modediagnose“? Eine kritische Perspektive Mit der zunehmenden öffentlichen Aufmerksamkeit – auch durch Social Media, Podcasts und Influencer – wächst die Zahl der Menschen, die sich mit ADHS identifizieren. Kritiker warnen jedoch vor einer „pathologisierenden Selbstdiagnosekultur“, in der Alltagsschwächen als Symptome gedeutet werden. Der Psychiater Dr. Peter Parzer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim warnt: „ADHS ist keine Modeerscheinung, aber es besteht das Risiko der Überdiagnostik, insbesondere wenn Symptome ohne fundierte Anamnese interpretiert werden.“ Diese Perspektive ist auch Gegenstand einer Debatte innerhalb der Fachwelt, etwa in einem Beitrag der Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie (ZPPP, 2021), der zu mehr diagnostischer Zurückhaltung mahnt. Tatsächlich erleben viele Menschen heute Symptome wie Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder mentale Überforderung, ohne zwangsläufig an ADHS zu leiden. Dauerstress, Schlafmangel, ständige digitale Reizüberflutung und gesellschaftlicher Leistungsdruck beeinflussen Aufmerksamkeit und Selbstregulation erheblich. Gerade soziale Medien vereinfachen psychologische Themen jedoch oft stark. Kurze symptomorientierte Videos erzeugen schnell Wiedererkennung, ersetzen aber keine fachliche Diagnostik. Therapieansätze: Mehr als nur Medikamente Die Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter basiert heute in der Regel auf einem multimodalen Ansatz. Dazu gehören Psychoedukation, verhaltenstherapeutische Strategien, Strukturaufbau, Emotionsregulation und gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung. Medikamente wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin zeigen hohe Effektstärken (Biederman & Faraone, 2006), müssen jedoch individuell abgestimmt und eng begleitet werden. Gleichzeitig lösen Medikamente nicht automatisch die langjährig entstandenen emotionalen Muster, Selbstzweifel oder Alltagsprobleme vieler Betroffener. In meiner Praxis Redemoment legen wir großen Wert darauf, neben einer differenzierten Diagnostik auch Stärkung der Selbstwirksamkeit, Aufbau von Struktur und Bewältigungsstrategien zu fördern. Für viele Betroffene ist es ein befreiender Moment, sich und ihre Muster endlich zu verstehen, aber auch ein herausfordernder Weg, neue Verhaltensweisen zu etablieren. In psychotherapeutischen Gesprächen zeigt sich dabei oft, wie belastend die jahrelange Erfahrung sein kann, trotz großer Anstrengung immer wieder an scheinbar einfachen Alltagsanforderungen zu scheitern. Umso wichtiger ist ein Ansatz, der nicht nur Symptome betrachtet, sondern auch Selbstwert, Stressregulation und alltagstaugliche Bewältigungsstrategien stärkt. Fazit: Zwischen Stigma und Chance ADHS im Erwachsenenalter ist keine „Ausrede“ für Faulheit oder Versagen. Es ist eine ernstzunehmende, oft belastende Störung , aber auch eine Erklärung, die helfen kann, vergangene Schwierigkeiten einzuordnen und neue Wege
Warum Beziehungen heute scheitern – und wie man dem mit Therapie entgegenwirken kann

Warum Beziehungen heute scheitern – und wie man dem mit Therapie entgegenwirken kann – Julia Benner Beziehungen sind komplex – sie bieten Geborgenheit, aber auch Herausforderungen. In der heutigen Zeit scheint es, als würden Partnerschaften häufiger scheitern als früher. Aber woran liegt das? Und wie kann eine frühzeitige therapeutische Begleitung helfen, Konflikte zu bewältigen und die Beziehung zu stärken? Warum gehen heute so viele Beziehungen in die Brüche? Die Scheidungsraten sind in den letzten Jahrzehnten hoch geblieben. Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2022 rund 38 % aller Ehen geschieden. Doch nicht nur Ehen, sondern auch unverheiratete Partnerschaften scheitern oft nach einigen Jahren. Wissenschaftliche Studien haben verschiedene Gründe identifiziert, die Beziehungen heute besonders belasten: 1. Unrealistische Erwartungen an die Partnerschaft Durch romantisierte Vorstellungen aus Filmen, Büchern oder sozialen Medien erwarten viele Paare, dass ihre Beziehung dauerhaft harmonisch bleibt. Die Forschung zeigt jedoch, dass gesunde Konflikte ein natürlicher Teil jeder Beziehung sind (Gottman & Silver, 2015). „Der Schlüssel zu einer glücklichen Beziehung ist nicht das Vermeiden von Streit, sondern der konstruktive Umgang mit Differenzen.“ (Gottman & Silver, 2015) Wenn Paare nicht lernen, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen, kann die Beziehung an unrealistischen Erwartungen zerbrechen. 2. Kommunikationsprobleme Ein häufiger Grund für das Scheitern von Beziehungen ist schlechte Kommunikation. Studien von John Gottman zeigen, dass bestimmte Kommunikationsmuster – wie Kritik, Abwehr, Verachtung und Mauern – starke Indikatoren für eine Trennung sind (Gottman, 1999). Diese sogenannten „Vier apokalyptischen Reiter der Kommunikation“ können die emotionale Verbindung nach und nach zerstören. 3. Emotionale Vernachlässigung und fehlende Intimität Moderne Lebensstile mit hoher beruflicher Belastung und digitaler Ablenkung führen oft dazu, dass Paare sich emotional entfremden. Untersuchungen zeigen, dass emotionale Intimität eine der wichtigsten Säulen einer stabilen Beziehung ist (Karney & Bradbury, 2020). Wenn diese Verbindung verloren geht, fühlen sich Partner oft einsam – selbst in der Beziehung. 4. Sexualität als unterschätzter Faktor Sexualität spielt eine zentrale Rolle in vielen Partnerschaften – nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf emotionaler Ebene. Studien zeigen, dass sexuelle Unzufriedenheit ein häufiger Trennungsgrund ist (McNulty et al., 2016). Mögliche Ursachen für Probleme in der Sexualität sind: Fehlende Kommunikation über Wünsche und Bedürfnisse Unterschiedliche sexuelle Vorlieben oder Frequenzbedürfnisse Stress, körperliche oder psychische Belastungen Ungeklärte Konflikte, die in die Sexualität übergreifen Sexuelle Probleme werden oft tabuisiert oder erst spät angesprochen – dabei können sie als Spiegelbild der Beziehung dienen. In der Paartherapie ist Sexualität daher ein wichtiger Bestandteil, um sowohl emotionale als auch körperliche Nähe wiederherzustellen. 5. Angst vor Nähe oder Verlustangst Bindungstheoretische Forschung (z. B. von Bowlby, 1969) zeigt, dass frühkindliche Erfahrungen beeinflussen, wie wir in Beziehungen agieren. Menschen mit einem unsicheren Bindungsstil neigen entweder zu starker Abhängigkeit oder zum Vermeiden von Nähe – beides kann eine Partnerschaft belasten. 6. Mangel an gemeinsamer Weiterentwicklung In langjährigen Beziehungen können sich Partner in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Ohne bewusste gemeinsame Reflexion und Anpassung kann dies dazu führen, dass sich die Lebensentwürfe nicht mehr ergänzen. Wie kann Paartherapie helfen? Viele Paare suchen erst dann therapeutische Hilfe, wenn die Beziehung fast zerbrochen ist. Doch frühe Unterstützung kann helfen, Konflikte zu verstehen und neue Lösungswege zu finden. 1. Verbesserung der Kommunikation Ein zentraler Ansatz in der Paartherapie ist es, konstruktive Kommunikationsmuster zu entwickeln. Methoden wie die gewaltfreie Kommunikation (Rosenberg, 2015) helfen Paaren, ihre Bedürfnisse ohne Schuldzuweisungen auszudrücken. 2. Stärkung der emotionalen Verbindung Durch emotionsfokussierte Therapie (EFT) lernen Paare, sich gegenseitig besser zu verstehen und wieder eine sichere Bindung aufzubauen. Studien zeigen, dass EFT in 70-75 % der Fälle zu einer deutlichen Verbesserung der Beziehung führt (Johnson et al., 2013). 3. Erkennen und Verändern destruktiver Muster In der Therapie arbeiten Paare daran, unbewusste Beziehungsmuster zu erkennen – beispielsweise Ängste oder Überzeugungen, die aus der Kindheit stammen. Durch dieses Bewusstsein kann sich der Umgang miteinander verändern. 4. Wiederherstellung von Nähe und Intimität Therapeutische Interventionen helfen Paaren, emotionale und körperliche Intimität wiederzubeleben. Studien zeigen, dass emotionale Nähe einer der stärksten Prädiktoren für eine stabile Beziehung ist (Karney & Bradbury, 2020). Ein häufig unterschätzter Bereich in der Paartherapie ist die gemeinsame Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. In der Therapie können Paare lernen, über ihre sexuellen Wünsche zu sprechen, Scham abzubauen und Wege zu finden, die Intimität neu zu entdecken. Die Forschung zeigt, dass Paare, die offen über ihre Sexualität kommunizieren, eine höhere Beziehungszufriedenheit haben (McNulty et al., 2016). Eine Therapie kann helfen, Hemmungen zu lösen und neue Impulse für die gemeinsame Sexualität zu entwickeln. Mein Ansatz in der Paartherapie In meiner Praxis Redemoment begleite ich Paare dabei, ihre Beziehung bewusst zu gestalten. Mein Fokus liegt auf einer emotionsfokussierten, wertschätzenden und individuellen Begleitung, die auf Augenhöhe stattfindet. Jede Beziehung ist einzigartig – deshalb gibt es keine Standardlösungen, sondern maßgeschneiderte Ansätze, die zu den Bedürfnissen des jeweiligen Paares passen. Ich lege besonderen Wert auf: Offene und ehrliche Kommunikation – Verständnis füreinander schaffen Nachhaltige Veränderung – Beziehungsmuster langfristig verbessern Transparenz im therapeutischen Prozess – gemeinsame Entwicklung statt vorgefertigter Lösungen Fazit: Beziehungen bewusst pflegen Beziehungen scheitern nicht einfach so – meist sind es schleichende Prozesse, die frühzeitig erkannt und verändert werden können. Wer sich rechtzeitig Unterstützung sucht, kann Konflikte konstruktiv lösen und die emotionale Verbindung stärken. Wenn ihr als Paar das Gefühl habt, euch voneinander zu entfernen oder immer wieder in denselben Streitmustern zu landen, kann eine Paartherapie eine wertvolle Möglichkeit sein, eure Beziehung zu stabilisieren und neue Wege miteinander zu finden. In meiner Praxis Redemoment begleite ich euch dabei gerne – mit Empathie, Transparenz und einem individuellen Ansatz, der zu euch passt. Literatur: Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss: Vol. 1. Attachment. Basic Books. Gottman, J. M. (1999). The Seven Principles for Making Marriage Work. Harmony Books. Gottman, J. M., & Silver, N. (2015). Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe. mvg Verlag. Johnson, S. M., Hunsley, J., Greenberg, L., & Schindler, D. (2013). Emotionally focused couples therapy: Status and challenges. Clinical Psychology: Science and Practice, 6(1), 67-79. Karney, B. R., & Bradbury, T. N. (2020). The maintenance of satisfaction in marriage: A meta-analytic review. Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), 1255-1277. Rosenberg, M. B. (2015). Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Junfermann Verlag.
