Redemoment Psychotherapie

Wenn die Diagnose alles verändert. Psychische Unterstützung bei schweren Erkrankungen. 

– Julia Benner


Es gibt Sätze, die das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ teilen.„Wir haben etwas gefunden.“„Der Befund ist leider auffällig.“„Es könnte bösartig sein.“ 

Für viele Menschen beginnt mit einer schweren Diagnose nicht nur eine medizinische Behandlung, sondern auch eine massive psychische Belastung. Plötzlich geraten Dinge ins Wanken, die vorher selbstverständlich wirkten: Sicherheit, Zukunftsplanung, Kontrolle über den eigenen Körper oder das Vertrauen in die eigene Gesundheit. Während im medizinischen Alltag verständlicherweise häufig die körperliche Behandlung im Mittelpunkt steht, wird die psychische Belastung schwerer Erkrankungen noch immer unterschätzt. Dabei zeigen zahlreiche Studien, dass schwerwiegende Diagnosen nicht nur körperlich, sondern auch emotional tiefgreifende Auswirkungen haben können.Eine schwere Erkrankung betrifft nie nur den Körper. Sie trifft den Menschen in seiner Ganzheit: emotional, mental und oft auch existenziell. Für die Betroffenen ebenso wie für ihre Angehörigen.


Wenn der eigene Körper plötzlich Angst auslöst

Eine schwere Diagnose löst bei vielen Menschen zunächst einen inneren Ausnahmezustand aus. Manche funktionieren scheinbar ruhig weiter, organisieren Termine und sprechen sachlich über Befunde, während innerlich längst Angst, Überforderung oder völlige Erschöpfung entstehen. Andere erleben Panik, Schlaflosigkeit oder das Gefühl, wie erstarrt zu sein. Viele Betroffene beschreiben, dass sich ihr gesamtes Denken plötzlich nur noch um Untersuchungen, Therapien oder mögliche Zukunftsszenarien dreht. Gedanken kreisen permanent, der Körper steht unter Spannung und selbst ruhige Momente fühlen sich innerlich nicht mehr wirklich ruhig an.

Häufig zeigen sich dabei unter anderem:

• ständiges Grübeln und Gedankenkreisen
• Schlafstörungen
• starke Zukunftsängste
Konzentrationsprobleme
• erhöhte Reizbarkeit oder emotionale Überforderung
• das Gefühl von Kontrollverlust
• körperliche Daueranspannung
• Rückzug oder emotionale Taubheit

Viele erleben diese Zeit wie einen Zustand zwischen Funktionieren und innerem Ausnahmezustand. Arzttermine, Befunde und Therapien bestimmen plötzlich den Alltag. Das Leben, das vorher selbstverständlich wirkte, fühlt sich nicht mehr planbar an. Gerade schwere Erkrankungen wie Krebs, neurologische Erkrankungen oder chronische Autoimmunerkrankungen konfrontieren Menschen häufig existenziell mit Themen wie Endlichkeit, Abhängigkeit und Verletzlichkeit.Hinzu kommt oft ein weiterer schmerzhafter Prozess: das Gefühl, sich selbst langsam zu verlieren.

Menschen, die zuvor unabhängig, leistungsfähig oder versorgend waren, erleben sich plötzlich erschöpft, hilfebedürftig oder körperlich eingeschränkt. Rollen verändern sich, Selbstverständlichkeiten brechen weg und viele Betroffene stellen sich irgendwann die Frage:
„Wer bin ich eigentlich noch, wenn mein Körper nicht mehr funktioniert wie früher?“ Nicht selten entsteht daraus eine tiefe Trauer um das eigene bisherige Leben. Auch das äußere Erscheinungsbild verändert sich unter schweren Erkrankungen oder medizinischen Behandlungen häufig spürbar. Haarausfall, Narben, Hautveränderungen, Gewichtsschwankungen oder körperliche Einschränkungen können das Verhältnis zum eigenen Körper tiefgreifend erschüttern.

Viele Betroffene erleben dadurch nicht nur körperliche Belastung, sondern auch eine zunehmende Entfremdung von sich selbst. Manche fühlen sich weniger attraktiv, weniger leistungsfähig oder erkennen sich im Spiegel kaum noch wieder. Besonders dann, wenn das eigene Selbstbild über viele Jahre stark mit Stärke, Funktionalität oder dem äußeren Erscheinungsbild verbunden war, kann dies das Selbstwertgefühl erheblich erschüttern. Auch Partnerschaft, Intimität und Sexualität verändern sich unter solchen Belastungen häufig. Scham, Rückzug oder das Gefühl, „nicht mehr man selbst“ zu sein, sind dabei keine Seltenheit, auch wenn viele Betroffene nur selten offen darüber sprechen.

 

Warum Angehörige häufig mitbelastet sind

Nicht nur Betroffene selbst leiden psychisch unter schweren Erkrankungen. Auch Partner:innen, Kinder oder enge Angehörige geraten häufig emotional an ihre Grenzen. Viele versuchen zunächst, stark zu bleiben, organisieren Termine, recherchieren Informationen und stellen die eigenen Bedürfnisse zurück. Gleichzeitig erleben sie oft dieselben Ängste und Unsicherheiten wie die erkrankte Person selbst. Studien zeigen, dass Angehörige von Krebspatient:innen psychisch teilweise ähnlich stark belastet sein können wie die Patient:innen selbst und ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, depressive Symptome und chronischen Stress entwickeln. Besonders belastend ist dabei häufig das Gefühl permanenter Alarmbereitschaft: das Warten auf Befunde, die Angst vor Verschlechterung oder die Sorge, emotional nicht genug Halt geben zu können. Hinzu kommt, dass sich Beziehungen durch Erkrankungen oft tiefgreifend verändern. Rollen verschieben sich. Nähe, Sexualität, Alltag und Zukunftspläne werden plötzlich von medizinischen Themen überlagert.


Psychotherapie oder Angehörigenberatung kann helfen:

• Gefühle wie Überforderung, Schuld oder Erschöpfung überhaupt erst zuzulassen
• Grenzen liebevoll und klar zu setzen
• mit Sprachlosigkeit oder Hilflosigkeit umzugehen
• die Beziehung zum erkrankten Menschen bewusst zu gestalten
• sich selbst nicht vollständig in der Rolle als „Stütze“ zu verlieren


Gerade in palliativen Situationen oder nach einem Verlust kann therapeutische Begleitung zudem helfen, Trauer nicht nur zu verdrängen oder „funktionieren zu müssen“, sondern den eigenen Gefühlen überhaupt Raum geben zu dürfen.

 

Zwischen Hoffnung und Angst 

Ein psychologisch besonders belastender Zustand entsteht oft durch das ständige Schwanken zwischen Hoffnung und Angst. Viele Betroffene erleben Tage, an denen Zuversicht möglich erscheint und andere, an denen bereits kleine körperliche Veränderungen starke Panik auslösen. Dieses emotionale Hin und Her empfinden viele Menschen als anstrengend oder sogar beschämend. Dabei ist genau diese Ambivalenz psychologisch vollkommen nachvollziehbar.

Schwere Erkrankungen erzeugen häufig ein dauerhaftes Unsicherheitsgefühl. Menschen versuchen gleichzeitig, Hoffnung aufrechtzuerhalten und sich emotional auf mögliche schlechte Nachrichten vorzubereiten. Dieser innere Spagat kostet enorme psychische Energie. Gerade während belastender Therapien oder nach einschneidenden Diagnosen berichten viele Betroffene zudem über das Gefühl, emotional kaum noch bei sich selbst anzukommen. Das bisherige Selbstbild verändert sich plötzlich: vom gesunden, leistungsfähigen Menschen hin zur Rolle des Patienten.

Was Psychoonkologie eigentlich bedeutet

Die Psychoonkologie ist ein spezialisiertes Teilgebiet der Psychotherapie und beschäftigt sich mit den emotionalen, sozialen und existenziellen Belastungen im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung.

Gleichzeitig betrifft psychische Belastung keineswegs nur onkologische Erkrankungen. Auch Menschen mit neurologischen Erkrankungen, chronischen Schmerzen, Herzinsuffizienz oder anderen schweren chronischen Erkrankungen erleben häufig massive emotionale Belastungen.

Studien des Deutschen Krebsforschungszentrums zeigen, dass etwa ein Drittel aller Krebspatient:innen im Verlauf der Erkrankung eine behandlungsbedürftige psychische Störung entwickelt, am häufigsten Depressionen oder Angststörungen.

Psychische Belastung und Krankheitsverlauf sind dabei eng miteinander verknüpft. Emotionale Stabilität beeinflusst nicht nur die Lebensqualität, sondern häufig auch Selbstfürsorge, Therapietreue und den Umgang mit der Erkrankung insgesamt.

Eine Metaanalyse von Faller et al. (2013) zeigt, dass psychotherapeutische Interventionen bei Krebspatient:innen signifikant zu einer Reduktion von Angst und Depressivität sowie zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen können.

Psychologische Begleitung bedeutet in solchen Situationen jedoch nicht, „positiv denken zu lernen“ oder Angst einfach verschwinden zu lassen.

Vielmehr geht es häufig darum, einen emotional tragfähigeren Umgang mit der Belastung zu entwickeln. Viele Betroffene erleben es bereits als entlastend, einen Raum zu haben, in dem Angst, Erschöpfung, Wut oder Überforderung ausgesprochen werden dürfen, ohne sofort funktionieren zu müssen.

Therapie kann dabei helfen:

• medizinische Informationen besser zu verarbeiten
• Ängste und Grübelschleifen besser einzuordnen
• emotionale Überforderung zu reduzieren
• mit Kontrollverlust umzugehen
• Gefühle wie Wut, Trauer oder Hilflosigkeit zu verarbeiten
• den Umgang mit Angehörigen zu stabilisieren
• wieder kleine Momente von Sicherheit und Selbstwirksamkeit zu erleben
• neue Perspektiven für ein verändertes Leben zu entwickeln


Auch achtsamkeitsbasierte Verfahren oder imaginative Techniken zeigen nachweislich positive Effekte auf Stressregulation und emotionale Stabilität. Besonders Verfahren wie „Mindfulness Based Stress Reduction“ (MBSR) konnten in Studien Verbesserungen der psychischen Belastbarkeit und des emotionalen Wohlbefindens zeigen.


Psychische Gesundheit ist kein Luxus, sondern Teil der Behandlung

Psychische Belastung ist kein Randthema, sondern medizinisch relevant. Die S3 Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung“ empfiehlt ausdrücklich eine strukturierte psychologische Begleitung von Betroffenen und Angehörigen. Auch in der evidenzbasierten Versorgung chronisch Erkrankter wird zunehmend deutlich, wie stark emotionale Stabilität, Stressregulation und soziale Unterstützung den Umgang mit Erkrankungen beeinflussen können

Wenn die Angst auch nach der Behandlung bleibt

Selbst nach erfolgreichen Therapien endet die psychische Belastung oft nicht automatisch. Kontrolltermine, körperliche Veränderungen oder die Angst vor einem Rückfall begleiten viele Menschen noch lange nach Abschluss der medizinischen Behandlung. Manche entwickeln eine starke körperbezogene Wachsamkeit und interpretieren jedes neue Symptom sofort als mögliche Gefahr. Auch das ist psychologisch nachvollziehbar. Das Gehirn versucht nach belastenden Erfahrungen, zukünftige Bedrohungen möglichst frühzeitig zu erkennen. Langfristig kann daraus jedoch ein Zustand dauerhafter innerer Alarmbereitschaft entstehen. Psychische Verarbeitung endet deshalb häufig nicht mit dem Ende einer medizinischen Therapie.

Psychische Stabilität bedeutet nicht, keine Angst zu haben

Viele Menschen glauben, sie müssten eine schwere Erkrankung möglichst „positiv“ bewältigen oder dauerhaft stark bleiben. Genau dieser innere Druck verstärkt jedoch häufig zusätzlich das Gefühl von Erschöpfung und Überforderung. Psychische Stabilität bedeutet nicht, keine Angst zu empfinden. Sie bedeutet vielmehr, mit Angst, Unsicherheit und Belastung umgehen zu lernen, ohne daran innerlich vollständig zu zerbrechen.


Wie finde ich passende Unterstützung?

Viele Betroffene und Angehörige versuchen zunächst, die Situation alleine zu bewältigen. Sie funktionieren, organisieren Arzttermine, recherchieren medizinische Informationen und stellen die eigenen Gefühle oft lange zurück. Gerade Angehörige geraten dabei nicht selten in einen dauerhaften Spannungszustand zwischen Verantwortung, Sorge und dem Wunsch, emotional Halt geben zu müssen. Unterstützung in Anspruch zu nehmen bedeutet deshalb nicht, „nicht stark genug“ zu sein. Es bedeutet vielmehr, die eigene psychische Belastung ernst zu nehmen.

Neben psychoonkologischen Angeboten in Kliniken oder ambulanten psychotherapeutischen Praxen erleben viele Menschen auch Selbsthilfegruppen oder moderierte Austauschformate als entlastend. Der Kontakt zu anderen Betroffenen kann helfen, Gefühle von Isolation, Sprachlosigkeit oder Überforderung besser einzuordnen. Ergänzend gewinnen auch evidenzbasierte Online Angebote psychologischer Unterstützung zunehmend an Bedeutung, beispielsweise Programme wie „Make it Count“ oder „Krebs und Psyche“.

In meiner Praxis für Psychotherapie und Coaching in der Hamburger HafenCity begleite ich Menschen in belastenden medizinischen Lebenssituationen sowie Angehörige schwer erkrankter Menschen. Die therapeutische Begleitung orientiert sich dabei nicht nur an Symptomen oder Diagnosen, sondern auch an den emotionalen Belastungen, die schwere Erkrankungen häufig mit sich bringen: Angst, Erschöpfung, Kontrollverlust, Unsicherheit oder das Gefühl, innerlich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Therapie kann in solchen Situationen dabei helfen, Gedanken und Gefühle besser einzuordnen, wieder mehr innere Stabilität zu entwickeln und einen Umgang mit der Belastung zu finden, der langfristig trägt. Die Begleitung erfolgt sowohl in Einzelgesprächen als auch im familiären Kontext, vor Ort in Hamburg oder online.

Schwere Erkrankungen nehmen Menschen oft das Gefühl von Selbstverständlichkeit. Plötzlich wird spürbar, wie verletzlich das eigene Leben eigentlich ist. Umso wichtiger kann es sein, inmitten dieser Unsicherheit innerlich nicht vollkommen den Halt zu verlieren. Psychotherapeutische Begleitung kann dabei ein stabilisierender Anker sein, ein Raum für das, was im Alltag häufig keinen Platz findet, und eine Möglichkeit, sich selbst in einer belastenden Lebensphase nicht vollkommen zu verlieren.

Wenn du dich angesprochen fühlst, findest du weitere Informationen unter Redemoment Psychotherapie & Coaching