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Redemoment Psychotherapie

Symbolbild: Warum ein Therapiehund manchmal Türen öffnet, die Worte allein nicht erreichen

Warum ein Therapiehund manchmal Türen öffnet, die Worte allein nicht erreichen

– Julia Benner

Vertrauen beginnt nicht immer mit Worten

Der erste Termin in einer psychotherapeutischen Praxis ist für viele Menschen mit gemischten Gefühlen verbunden. Vielleicht ist da Hoffnung, endlich etwas verändern zu können. Gleichzeitig aber auch Unsicherheit: Was erwartet mich? Kann ich hier wirklich offen sprechen? Werde ich verstanden? Und darf ich auch die Seiten von mir zeigen, über die ich sonst lieber schweige?

Psychotherapie berührt häufig sehr persönliche Themen. Ängste, Selbstzweifel, Verluste, Enttäuschungen oder Erfahrungen, über die lange niemand gesprochen hat. Damit Menschen sich darauf einlassen können, braucht es Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit.

Dieses Gefühl entsteht natürlich vor allem in der therapeutischen Beziehung. Manchmal tragen aber auch Dinge dazu bei, die zunächst eher nebensächlich erscheinen. Die Atmosphäre eines Raumes zum Beispiel. Ein vertrauter Ablauf. Oder die ruhige Anwesenheit eines Hundes.

Genau das durfte ich über viele Jahre mit Luna erleben.

 

Luna: Die vierbeinige Begleiterin meiner Praxis

Luna, meine Französische Bulldogge, hat mich viele Jahre in meiner Praxis begleitet. Für mich war sie natürlich sehr viel mehr als ein Praxishund. Und auch für viele meiner Patientinnen und Patienten wurde sie mit der Zeit zu einem festen Bestandteil von Redemoment. Wer Luna kannte, weiß, dass sie kaum zu übersehen war. Mit ihren großen Augen, ihrer neugierigen Art und einem ziemlich ausgeprägten Interesse daran, wer gerade zur Tür hereinkam, begrüßte sie viele Menschen auf ihre ganz eigene Weise. Häufig war sie schon da, bevor ich überhaupt richtig Hallo gesagt hatte.

Manche Patientinnen und Patienten gingen sofort zu ihr in die Hocke. Andere begrüßten erst Luna und dann mich. Und wenn sie ausnahmsweise einmal nicht an der Tür stand, dauerte es oft nur wenige Sekunden, bis die Frage kam: „Wo ist Luna heute?“ Genau solche Situationen haben mir gezeigt, dass sie für viele längst nicht mehr nur „der Hund in der Praxis“ war. Manche kannten ihre Gewohnheiten genau. Sie wussten, wo sie am liebsten lag, wie sie schaute, wenn sie Aufmerksamkeit wollte, oder wann die Chance besonders groß war, dass sie sich irgendwann während der Sitzung in ihre Nähe legte. Einige freuten sich schon vor ihrem Termin darauf, sie wiederzusehen.

Und natürlich mochte Luna Menschen. Sie war neugierig, kontaktfreudig und gleichzeitig vollkommen unbeeindruckt davon, welchen Beruf jemand hatte, wie souverän jemand wirkte oder ob gerade Tränen flossen. Für sie war ein Mensch zunächst einmal ein Mensch, der möglicherweise gestreichelt werden konnte. Vielleicht war gerade diese Mischung aus Neugier, Selbstverständlichkeit und völliger Vorurteilsfreiheit ein Teil dessen, was sie für viele so besonders machte. Sie musste dabei nichts tun. Sie musste niemanden beruhigen und hatte keinen therapeutischen Auftrag zu erfüllen. Oft lag ihre Wirkung gerade darin, dass sie einfach Luna war.

 

Was ein Therapiehund psychologisch bewirken kann

Die therapeutische Beziehung gehört zu den wichtigsten Wirkfaktoren einer Psychotherapie. Wer sich sicher, akzeptiert und verstanden fühlt, kann eher über Dinge sprechen, die mit Scham, Angst oder Verletzlichkeit verbunden sind. Tiere können dieses Gefühl unterstützen. Forschung zu tiergestützten Interventionen weist darauf hin, dass der Kontakt zu Hunden mit weniger Stress und Angst sowie positiven Veränderungen körperlicher Stressreaktionen verbunden sein kann. Unter anderem werden dabei Oxytocin und Cortisol untersucht, also Botenstoffe, die mit Bindung beziehungsweise Stress in Zusammenhang stehen.

Auch die IAHAIO, die International Association of Human Animal Interaction Organizations, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den gesundheitlichen und psychologischen Effekten der Mensch Tier Beziehung. Wichtig bleibt dabei immer die Einordnung: Ein Hund ersetzt keine professionelle Behandlung. Er kann einen therapeutischen Prozess ergänzen. Für mich ist dieser Unterschied entscheidend. Die eigentliche therapeutische Arbeit findet zwischen Patientin oder Patient und Therapeutin statt. Luna konnte diesen Prozess nicht übernehmen. Sie konnte aber den Rahmen ein wenig leichter machen.


 

Wenn während einer Sitzung die Anspannung steigt

Psychotherapie ist nicht immer angenehm. In manchen Sitzungen geht es um Themen, die sehr weh tun, Angst auslösen oder lange vermieden wurden. In solchen Momenten habe ich über die Jahre immer wieder eine besondere Dynamik mit Luna beobachtet.

Manchmal lag während des Gesprächs plötzlich eine Hand auf ihrem Rücken. Jemand erzählte weiter und streichelte sie dabei fast unbewusst. Andere schauten für einen Moment zu ihr, wenn es emotional wurde. Und manchmal entschied Luna selbst, dass jetzt offenbar der richtige Zeitpunkt war, sich unmittelbar neben einen Menschen zu legen. Das waren keine geplanten Interventionen. Gerade deshalb empfand ich sie oft als besonders schön.

Ein Gespräch konnte sehr ernst und schwer sein und trotzdem entstand für einen kurzen Moment etwas Leichtes, wenn Luna auf ihre typische Art in die Situation platzte oder mit einem einzigen Blick dafür sorgte, dass jemand trotz Tränen lachen musste. Ich habe häufig erlebt, dass Patientinnen und Patienten in solchen Situationen nicht aus dem schwierigen Thema herausgingen. Im Gegenteil, manchmal konnten sie gerade deshalb darin bleiben.

Aus psychologischer Sicht lässt sich das gut erklären. Die Berührung eines vertrauten Tieres, seine Wärme oder allein seine ruhige Anwesenheit können helfen, die Aufmerksamkeit wieder stärker im gegenwärtigen Moment zu verankern und Anspannung zu regulieren. Bei Luna kam für viele aber noch etwas anderes hinzu: Vertrautheit. Sie kannten sie. Luna kannte sie. Und irgendwann gehörte auch diese kleine Beziehung zum sicheren Rahmen der Therapie.

 

Ein sicherer Hafen muss nicht immer sprechen

Aus der Bindungsforschung kennen wir das Konzept des sicheren Hafens. Menschen können Belastungen besser bewältigen, wenn sie sich in einer Beziehung sicher und aufgehoben fühlen. Auch Tiere können für manche Menschen ein solches Gefühl vermitteln. Besonders interessant ist das bei Menschen, denen Vertrauen zu anderen zunächst schwerfällt oder die in Beziehungen belastende Erfahrungen gemacht haben.

Ein Hund erwartet keine besonders kluge Antwort. Er fragt nicht nach, warum jemand gerade weint. Er bewertet weder Aussehen noch Leistung noch sozialen Status. Für manche Menschen macht genau diese Form der Begegnung den Zugang leichter. Das bedeutet nicht, dass ein Hund automatisch Sicherheit erzeugt. Wer Angst vor Hunden hat, schlechte Erfahrungen gemacht hat oder Tiere schlicht nicht mag, wird seine Anwesenheit möglicherweise ganz anders erleben. Entscheidend ist deshalb immer die individuelle Reaktion.

 

Wenn aus Angst vor Hunden langsam Neugier wird

Besonders eindrücklich waren für mich Begegnungen mit Menschen, die anfangs Angst vor Hunden hatten. Natürlich blieb Luna dann zunächst auf Abstand oder in einem anderen Raum. Niemand sollte in meine Praxis kommen und das Gefühl haben, sich zusätzlich mit einem Hund auseinandersetzen zu müssen. Aber manchmal entstand über Wochen oder Monate etwas, das weder geplant noch eingefordert war.

Zunächst wurde Luna aus sicherer Entfernung beobachtet. Irgendwann kamen Fragen über sie. Später durfte sie vielleicht im selben Raum bleiben. Und manchmal kam schließlich der Moment, in dem jemand, der mir zu Beginn sehr deutlich gesagt hatte, eigentlich Angst vor Hunden zu haben, vorsichtig die Hand nach ihr ausstreckte. Bei Luna blieb es dann nicht immer bei diesem einen Kontakt. Aus Unsicherheit wurde gelegentlich echte Zuneigung. Menschen, die am Anfang möglichst weit von ihr entfernt sitzen wollten, freuten sich irgendwann, wenn sie zu ihnen kam. Aussagen wie „Ich hätte nie gedacht, dass ich freiwillig einmal einen Hund streichle“ sind mir deshalb bis heute im Gedächtnis geblieben. Natürlich ist das keine systematische Expositionstherapie und sollte auch nicht als solche dargestellt werden. Aber es zeigt etwas anderes sehr schön: Sicherheit entsteht manchmal nicht dadurch, dass Angst diskutiert wird. Manchmal entsteht sie durch eine Reihe kleiner Erfahrungen, in denen etwas, das zunächst bedrohlich erschien, nach und nach vertraut wird.

Und Luna hatte eine besondere Fähigkeit, genau solche Erfahrungen sehr selbstverständlich entstehen zu lassen.

 

Was die Forschung über Hunde und Stress zeigt

Die Wirkung von Hunden wird nicht nur im Zusammenhang mit Psychotherapie untersucht. Auch Studien aus anderen Bereichen zeigen Zusammenhänge zwischen Hundekontakt, Stress, Wohlbefinden und sozialem Verhalten.

Untersucht wurden beispielsweise Hunde am Arbeitsplatz. Einige Studien fanden Hinweise darauf, dass ihre Anwesenheit mit geringerem subjektivem Stress und mehr sozialen Kontakten zwischen Mitarbeitenden verbunden sein kann.

Auch Hundebesitzer bewegen sich im Durchschnitt häufiger und erleben über Spaziergänge nicht selten zusätzliche soziale Kontakte.

Solche Ergebnisse lassen sich nicht einfach eins zu eins auf Psychotherapie übertragen. Sie passen jedoch zu einer grundlegenden Beobachtung: Tiere können unsere Aufmerksamkeit, unsere Stimmung und unser soziales Verhalten beeinflussen. Wie stark dieser Effekt ist und ob er als angenehm erlebt wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.


 

Was Luna für meine Praxis besonders gemacht hat

Wenn ich heute an die vielen Jahre mit Luna in meiner Praxis zurückdenke, sind es weniger spektakuläre Situationen, die mir in Erinnerung bleiben. Es sind die kleinen Szenen. Patientinnen und Patienten, die nach einem schwierigen Gespräch noch einen Moment bei ihr sitzen blieben. Menschen, die beim Betreten der Praxis zuerst nach Luna schauten. Jemand, der mitten in einem belastenden Thema plötzlich lächelte, weil Luna eine ihrer typischen Eigenheiten zeigte.

Solche Momente sind keine Psychotherapie im engeren Sinne. Und trotzdem können sie Teil einer therapeutischen Erfahrung sein. Denn eine Praxis besteht nicht nur aus Methoden und Interventionen. Auch die Atmosphäre, die Beziehung und das Gefühl, in einem Raum willkommen zu sein, spielen eine Rolle.

Luna hat diesen Raum über viele Jahre auf ihre ganz eigene Weise mitgestaltet.

 

Warum Hunde uns im Alltag so guttun

Die positiven Effekte von Hunden beschränken sich nicht auf die Psychotherapie. Zahlreiche Studien zeigen, dass Hundebesitzer häufig: mehr Bewegung in ihren Alltag integrieren, soziale Kontakte leichter knüpfen, geringere Einsamkeitswerte berichten und niedrigere Stresswerte aufweisen

Auch Unternehmen beschäftigen sich zunehmend mit dem Thema Bürohund. Untersuchungen zeigen, dass Hunde am Arbeitsplatz zu einer positiveren Stimmung und einer geringeren Stressbelastung beitragen können. Die Gründe ähneln denen in der Therapie: Hunde fördern Entspannung, soziale Interaktion und emotionale Regulation.


  

Mein Ansatz bei Redemoment

Wenn ich heute an die vielen Jahre zurückdenke, in denen Luna mich in meiner Praxis begleitet hat, denke ich deshalb nicht zuerst an Studien über Oxytocin, Cortisol oder Stressregulation. Ich denke an konkrete Menschen und konkrete Situationen. An Patientinnen und Patienten, die beim Hereinkommen zuerst nach Luna schauten. An diejenigen, die während eines schwierigen Gesprächs ihre Hand auf ihr liegen ließen. An Menschen, die eigentlich Angst vor Hunden hatten und irgendwann stolz erzählten, dass sie Luna inzwischen gerne streichelten. An Sitzungen, in denen sehr viel geweint wurde und Luna es trotzdem schaffte, für einen kurzen Moment ein Lächeln in den Raum zu bringen. Und an die vielen Male, in denen ihre bloße Anwesenheit so selbstverständlich geworden war, dass erst auffiel, wie sehr sie dazugehörte, wenn sie einmal nicht da war.

Luna war nicht deshalb besonders, weil sie eine therapeutische Methode beherrschte. Sie war besonders, weil sie ihren ganz eigenen Charakter mit in die Praxis brachte. Ihre Neugier. Ihre Wärme. Ihre manchmal sehr charmante Hartnäckigkeit. Ihre Fähigkeit, Menschen vollkommen unvoreingenommen zu begegnen. Und diese besondere Mischung daraus, Aufmerksamkeit einzufordern und im nächsten Moment einfach friedlich irgendwo zu liegen, als sei das alles das Normalste der Welt.Für viele meiner Patientinnen und Patienten wurde sie dadurch zu einem vertrauten Gesicht ihrer Therapiezeit. Und für Redemoment war sie über viele Jahre ein Teil der Identität dieser Praxis.


 

Fazit: Manchmal braucht es keine Worte

Ein Hund kann keine Psychotherapie ersetzen. Er kann keine therapeutische Beziehung übernehmen und keine Veränderung stellvertretend für einen Menschen bewirken.Aber er kann etwas zum Raum beitragen, in dem diese Veränderung möglich wird.

Luna hat das über viele Jahre getan. Sie hat Menschen an der Tür begrüßt, bevor die Sitzung überhaupt begonnen hatte. Sie lag neben ihnen, während über Dinge gesprochen wurde, die schwer auszusprechen waren. Sie brachte Menschen zum Lächeln, die wenige Augenblicke zuvor noch geweint hatten. Und sie wurde von erstaunlich vielen vermisst, sobald ihr vertrautes Gesicht einmal nicht in der Praxis auftauchte.

Vielleicht sagt genau das mehr über ihre Wirkung aus als jede theoretische Beschreibung. Sie war nicht einfach ein Therapiehund.

Sie war Luna.

Und genau deshalb war sie für diese Praxis nicht austauschbar. Und manchmal ist genau das der erste Schritt, damit auch wir selbst wieder lernen, uns mit mehr Freundlichkeit, Vertrauen und Offenheit zu begegnen.